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Ophelia - ein Hurrikan auf Abwegen

Ein komplett ausgeprägter Wirbelsturm am 12. Oktober 2017 (1530 UTC, 1730 MESZ). Das Auge ist schon sehr gut zu sehen,  die klassischen, spiralförmigen Wolkenbänder sind schon voll entwickelt und die Symmetrie stimmt auch. Kurzum: diesen Hurrikan könnte man überall vermuten, in der Karibik oder im Golf von Mexiko. Tatsächlich hat er sich aber im Ostatlantik entwickelt und ist später als außertropischer Sturm über Irland hinweggezogen (Quelle: NOAA/NASA Goddard Rapid Response Team)
Das hat uns Europäern gerade noch gefehlt. Ein Hurrikan auf 'unserem' Territorium? Selbst als Meteorologe (der ja so einiges gewohnt ist), saß man in den letzten Tagen wie gebannt vor den Modellen, den Satellitenbildern und vor diversen Social-Media-Kanälen. Das was sich da entwickelte, gab es noch nie zuvor (zumindest seit wir eben diese Wirbelstürme dokumentieren und das sind schon ca. 150 Jahre).
Im Atlantik bildete sich ein Hurrikan, an sich nichts ungewöhnliches. Atypisch war aber die Genese (Teifdruckentwicklung) durch einen Kaltluftvorstoß im Zuge eines höhenkalten Tiefs der Polarfront - (siehe FB-Posting von Rund ums Wetter unten). Jedenfalls enstand dieser Hurrikan so weit östlich wie noch nie. Er erreichte am 12. Oktober Kategorie 2 (Saffir-Simpson Skala: mehr als 154 km/h) und schließlich südlich der Azoren völlig unerwartet noch Kategorie 3 (=major hurricane).
Was an diesem Vorgang gleichsam ungewöhnlich wie unerwartet war? Nun, als Voraussetzung für die Entwicklung von Hurrikans werden immer diese Faktoren genannt:
  • die Bildung eines Tiefdruckgebiets in niederen Breiten (geringe Scherung, also wenig Änderung des Windes mit der Höhe) über dem Meer (geringe Reibung),
  • entsprechender Abstand vom Äquator (genug Drehimpuls),
  • und ausreichend vorhandene Energie (hier gilt als Maß immer eine durchschnittliche Meerwasseroberflächentemperatur (SST) von über 26,5 Grad in den obersten 50 m)
Und eben um diese zur Verfügung gestellte Energie geht es. Im Umfeld von Ophelias Entwicklung lag die Wassertemperatur nämlich "nur" bei 25 Grad und somit niedriger als in den Lehrbüchern meist angegeben. Ophelia hat sich dennoch sogar zu einem Kategorie-3-Sturm entwickelt (14. Oktober). Es kommt somit vor allem auf den Temperaturgradienten an - sprich den Temperaturunterschied zwischen der Luft und dem Meerwasser. So können sich auch tropische Stürme bei weniger als 26 Grad entwickeln.

Animation der IR-Satellitenbilder von Guido Cioni (video of hurricane Ophelia transition from CAT3 hurricane into a post-tropical hurricane force storm landfall in Ireland. Animation is showing the evolution through the last 5 days, Quelle, severe-weather.eu)





Schließlich wurde der Sturm in die Strömung mitaufgenommen und rasch nach Norden/Nordosten befördert (siehe oben). Die zunehmende Scherung in höheren Breiten (verstärkter Wind) zerriss das tropische System und durch die nachlassende Energiezufuhr (Meerwassertemperatur nimmt ab) schwächte sich der Hurrikan ab.
Ophelia wird in die Westwinddrift integriert und quasi mit diesem Förderband nach Nordosten transportiert. Ophelia liegt zu diesem Zeitpunkt (14. Oktober 02 MESZ) südwestlich der Azoren (Quelle: ACINN/ertel2.uibk.ac.at)

Gefährlich war das System aber weiterhin, da es sich zu einem extra-tropischen Sturm entwickelt hat mit Kalt- und Warmfront. In diesem Fall der Tiefdruckentwicklung (Shapiro-Keyser genannt), holt die Kaltfront die Warmfront nicht ein, in diesem Winkel tritt der sogenannte Sting Jet auf mit zerstörerischen Winböen.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Ein Hurrikan mit ausgeprägtem Auge vor den Toren Europas, das wiederum fast weitgehend unter Hochdruckeinfluss steht. Angefacht vom verstärkten Südwind breiteten sich die Brände in Portugal und Spanien weiter aus (Quelle: kachelmannwetter.com / EUMETSAT)

Nur 24 Stunden später liegt das System südwestlich von Irland und hat sich zu einem eindrucksvollen Tiefdruckwirbel entwickelt. Eine inoffizielle Station am Südwestzipfel Irlands hat 191 km/h gemessen (Quelle: kachelmannwetter.com / EUMETSAT)

Die Aschewolke, die sich von der Iberischen Halbinsel bis zu den Britischen Inseln erstreckt, nach Nordosten befördert vom Ex-Hurrikan Ophelia am 16. Oktober 2017 Nachmittag . Der wolkenfreie Bereich entsteht durch das Einsaugen trockener Luft aus höheren Luftschichten (Quelle: severe-weather.eu, Image: NASA Terra / MODIS).
So traf Ex-Ophelia am Montag (16. Oktober) auf Irland, mit Böen über 190 km/h (Küstengebiete - Fastnet Lighthouse, inoffizielle Wetterstation der Comissioners of Irish Lights) und 150 bis 160 km/h auf der Insel, später am Abend lag das Hauptsturmfeld über dem Westen Englands, Wales und Schottland (teils Böen zwischen 120 und 140 km/h).
Ex-Ophelia war vor allem im Süden Irlands der schwerste Sturm seit über 50 Jahren und forderte 3 Todesopfer. Zudem waren zeitweise 360.000 Personen ohne Stromversorgung (Windbruch durch umgestürtzte Bäume und Strommasten).


Weitere Nebeneffekte:
  • Durch die Südanströmung wurden auf der Iberischen Halbinsel über 35 Grad erreicht, extrem für Mitte Oktober. In Mitteleuropa reichte es für sommerliche Temperaturen bis zu 26, 27 Grad (u.a. Alpennordseite)
  • Neben Saharastaub gelangen Aschepartikel von Waldbränden in Portugal und Spanien in die Atmosphäre und wurden weit nach Norden transportiert. Diese Lufttrübung, die wir in den Alpen ja bei starkem Südföhn kennen, konnte man so auch in England, Frankreich, BeNeLux oder Deutschland beobachten.


Brandwolken über der portugiesische Küste (Foto: Luis Lobo Henriques Photograph)

Satellitenbild am 17. Oktober (als Ophelia als Sturmtief in Richtung Skandinavien zieht) am Vormittag (Quelle: DWD)

Weiterer Bericht mit Bilder, Videos und Grafiken auf severe-weather.eu (EN): http://www.severe-weather.eu/news/sun-in-parts-of-uk-and-france-blocked-out-the-smoke-from-wildfires-in-spain-and-portugal/

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*) Ort mit wenig Schnee, also dort wo der Schnee in ein Loch fällt (sprich Leeeffekt) oder wo man sich ein Loch gegraben hat.

So ein zweites Loch ist beispielsweise Innsbruck - bei manchen Wetterlagen.

Aktueller Stand (Morgen des 12.12.2012) des GESAMTSCHNEEs (Quelle:ubimet)
St. Anton: 92 cm
Hochfilzen: 88 cm
Seefeld: 67 cm
Kufstein: 57 cm
Reutte: 55 cm
Kitzbühel: 45 cm
Landeck: 36 cm
Innsbruck: 16 cm 

Grund: aus dem Nordstau der letzten Tage ist in der Hauptstadt deutlich weniger Schnee gefallen, er wurde durch die Nordkette quasi abgefangen.



WEBCAMS vom Morgen des 12.12.2012










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